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Wo die wilden Tannen wachsen

Für den beliebtesten Weihnachtsbaum der Deutschen ist Jahr für Jahr ein hoher Aufwand nötig

Es geht um zehn Jahre Zapfenpflücken. Bieter hämmern ihre letzten Angebote in die Tastaturen, beobachten angespannt die Bildschirme. Enter-Tasten werden gedrückt, Seiten aktualisiert. Noch ein paar Sekunden und die Versteigerung ist beendet. Es ist amtlich. Die Saatgutfirma Plus Baum hat die einzige deutsche Pflücklizenz für Nordmanntannen im Balkan ergattert.

„Furchtbar“ sagt Henning Pein. Er ist Gesellschafter der Firma, Baumschuler, und kein großer Fan von Internet-Auktionen. Vor zwölf Jahren hatte Plusschon Baum einmal eine der begehrten Pflücklizenzen im georgischen Ambrolauri-Gebiet ergattert, nun musste sie erneuert werden. ,,Zum dreifachen Preis von damals“, sagt Pein. Das Geschäft boomt, seit den 1980er Jahren, weil wir unseren Weihnachtsbaum so lieben.

Jahr für Jahr stehen immergrüne Nadelbäume in fast allen deutschen Wohnzimmern und duften nach Wald. Die meisten davon - etwa dreiviertel - sind Nordmanntannen. Aus Deutschland. Denn hier wachsen laut der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald rund 90 Prozent der Weihnachtsbäume. Die Samen für ihre Aufzucht allerdings, stammen aus Georgien. Dort, entdeckte der Botaniker Alexander von Nordmann vor rund 190 Jahren den perfekten Weihnachtsbaum: Schön dicht gewachsen, satt grün, anspruchslos und mit weichen Nadeln. Dort, im Kaukasus, auf einer Fläche von wenigen hundert Quadratkilometern, ist ihr natürliches Verbreitungsgebiet. Und dort, wo sich die Wipfel der bis zu 200-jährigen Bäume hoch im Wind wiegen, werden noch immer ein Großteil der Zapfen für die spätere Aufzucht in Deutschland per Hand gepflückt. Das ganz normale Weihnachtsgeschäft.

Die Saison beginnt im Spätsommer. Mitarbeiter von Plus Baum reisen nach Georgien, um die Ernte zu begleiten. Sie arbeiten mit einheimischen Saisonarbeitern- und Arbeiterinnen zusammen, die hier in wenigen Wochen mehr verdienen, als im gesamten Jahr. Meter für Meter schieben sich junge Georgier den schlanken Stamm der Tannen hoch zu den Zapfen, die ihren Lebensunterhalt sichern. Die Kleidung klebrig von Harz. Die Arbeit ist anstrengend und nicht ungefährlich. ,,Den ganzen Stamm hoch durchs Geäst, da muss man top fit sein", sagt Henning Pein. Auch er blickte schon von einer Tanne aus 20 Metern Höhe in die Tiefe: ,,ich war fix und fertig."

Gut 20 Tonnen Tannenzapfen werden pro Jahr von PlusBaum geerntet. Das ergibt am Ende zwei bis zweieinhalb Tonnen reines Saatgut. Eine 80-jährige Muttertanne bildet um die 10 bis 20 Kilogramm Zapfen. Die landen Baum für Baum in Säcken. Sack für Sack werden sie getrocknet, aufgeschnitten und aussortiert und treten dann ihre Reise nach Deutschland und Dänemark an.

Seit einem viertel Jahrhundert arbeitet Pein an der Zucht eigener Saatbäume am Hamburger Stadtrand bei Pinneberg. Gemeinsam mit Professor Jürgen Matschke, damals einziger Weihnachtsbaum-Wissenschaftler, reiste Pein Mitte der 1990er Jahre zum ersten Mal in das Ambrolauri Gebiet um geeignete Zweige zur Zucht auszuwählen. Die Gene sind ausschlaggebend für die spätere Qualität der Tannen. Die Zweige wurden Zuhause veredelt, gehegt und gepflegt und produzieren inzwischen eigene Zapfen. Etwa 30 Jahre dauert das bei Nordmanntannen. Sie sind zu acht Meter hohen Mutterbäumen herangewachsen und Pein vom 41-Jährigen Mitarbeiter der Baumschule in Appen, zum 66-Jährigen Baumschulenbesitzer und Geschäftsführer von PlusBaum. Er kann heute etwa fünf bis 10 Prozent seines Weihnachtsbaumsaatguts von eigenen Schleswig-Holsteiner Nordmanntannen ernten. Das ist deutschlandweit einzigartig, doch der Weg zur norddeutschen Nordmanntanne ist noch weit. sou