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„Es ging immer gut weiter mit mir, den Mut verlor ich nie"

Als Christine Skorupski (77) 1944 in Schwerin geboren wurde, startete ihr Leben in wirklich schwierigen Zeiten, die lange anhielten. Ihre Kindheit war alles andere als einfach in vielerlei Hinsicht, sodass sie vieles bis heute „verschlossen“ hält.

„Kraft und Mut gaben mir immer meine Großeltern, die mich als Kind sehr positiv prägten“, erzählt sie, „und dafür bin ich ihnen unendlich dankbar.“ Ob Kultur und Lesen oder die menschlichen Kontakte, all das Wunderbare von ihnen nahm sie mit in ihr folgendes Leben, sagt sie, und das ließ sie manches besser ertragen, denn das Leben hielt nicht nur Gutes sondern auch Schlechtes für sie bereit.

Als junge Frau machte sie die mittlere Reife und wollte gerne Pharmazeutische Assistentin in der Apotheke werden. „Die Ausbildung musste ich dann leider abbrechen, weil ich eine Allergie bekam“, verrät sie, dass früher noch sehr viele Medikamente im Keller selbst hergestellt wurden, sie jedoch den Kontakt mit einigen Zutaten nicht vertrug.

Aber es musste ja weitergehen, und so ging sie in den Handel, um Geld zu verdienen. „Dann lernte ich meinen Mann kennen, wurde früh Mutter und blieb die ersten Jahre für die Kinder zu Hause. Aus der damaligen Zeit fällt ihr vor allem eine Frau ein, die sie beim Schlange anstehen für Lebensmittel abweisen wollte. „Ich erklärte ihr, dass wir eine kinderreiche Familie seien, dafür gab es extra Ausweise“, erinnert sie sich an die schnippische Antwort der Frau: „Ja genau, so sehen sie auch aus.“ Auch heute noch zierlich gebaut, muss sie lachen, da die Abweisung letztendlich ja ein tolles Kompliment war.

„Mutter Theresa“ und auch „Die eiserne Lady“

Als ihre Kinder das Kita- und Schulalter erreichten, ließ sie sich in der Gastronomie ausbilden und schaffte es, sich bis zur Leiterin eines Betriebes zu qualifizieren, mit über 30 Mitarbeitern. „Chefs bekamen im Osten oft einen Spitznahmen, und ich hatte zwei“, verrät sie, „man nannte mich „Mutter Theresa“ und auch „Die eiserne Lady“, erzählt sie und lacht. Es passe schon genau, fügt sie hinzu. Auf der einen Seite war sie immer ein großer Menschenfreund und half viele Jahre ehrenamtlich wo sie nur konnte, „auf der anderen Seite war ich schon eine taffe Chefin, die die Stricke in der Hand behielt.“

Und dann kam die Wende, und für sie und ihre Familie wurde alles zerschlagen. „Mein Mann und ich wurden beide arbeitslos und gingen los, um nach Arbeit zu suchen“, erinnert sie sich, dass es ihrem Mann als Maschinenbauingenieur nicht gelang, da es immer hieß, er sei überqualifiziert. „Da meldeten ich einfach ein Gewerbe an und fortan verkauften wir Porzellan und Textilien auf dem Markt.“ Sie selbst fand noch einen Job bei der Arag dazu. Das war alles noch in Wismar. „Mein Mann sagte oft zu mir, Christine, mit dir geht es immer gut weiter.“ Und sie bestätigt, dass es ihr nie an Mut mangelte, in jeder Lage etwas aus dem Leben zu machen. Auch dann, als ihr Mann schwer krank wurde und leider schon mit 48 Jahren starb. „Ich pflegte ihn bis zum Schluss und meine kleinsten Kinder waren da noch 12 und 14.“ Weiß sie noch genau, wie viel Hilflosigkeit oder Ohnmacht einen schon übermannen kann. Es waren meist Menschen, die ihr Mut und Kraft gaben, wie damals ein paar alte Arbeitskollegen zum Beispiel oder Freunde. Oder einfach nur Menschen, die man beim Einkaufen traf.

So erinnerte sich auch einer ihrer früheren Auszubildenden an sie als junge Chefin, nahm Kontakt zu ihr auf und bat sie, doch nach Kappeln zu kommen, wo er selbst inzwischen ein Restaurant führte. „So kam ich 1999 nach Kappeln und bin bis heute hier.“ Sie lies sich in der Hospizarbeit ausbilden und war in vier Ämtern ehrenamtlich tätig. In Kappeln arbeitete sie auch in der Pflege und Betreuung von Demenzkranken und Schwerbehinderten Menschen.

Eine ganz andere Sicht auf das Leben

„Bis 14 Tage vor meinem 70. Geburtstag, dann war alles aus“, denn auch sie wurde von einer schweren Krankheit heimgeholt, welche einen Großteil des Lebens an den Rollstuhl fesselt. Doch so ganz aus war es dann doch nicht. Auch schwerkrank blieb sie ehrenamtlich tätig und arbeitet bis heute noch in der Flüchtlingsbetreuung. Dafür wurde ihr von der Stadt Kappeln mit einer hohen Auszeichnung gedankt.

„Durch die Arbeit im Hospiz bekam ich eine ganz andere Sicht auf das Leben“, erzählt sie, „dazugehört vor allem Dankbarkeit. Und ich erlebe die größte Freude, wenn ich anderen eine Freude machen kann.“ So sang sie alte Seemannslieder am Sterbebett eines Seemannes, der sich daraufhin entspannte und seine Angst verlor. Für eine Frau, die nicht loslassen konnte, sorgte sie dafür, dass diese noch einmal ihre Kinder sehen konnte. „So bekam sie den Frieden, den sie brauchte, um gehen zu können.“ Ihr selbst begegneten öfter auch „hässliche“ Menschen, an denen es nicht nur an Freundlichkeit mangelte, sondern auch an menschlichem Verhalten. Zum Beispiel in einem Sanitätshaus oder sogar in einem Krankenhaus. In beiden Institutionen wurde sie sehr schlecht behandelt, erzählt sie, weil sie alt und gebrechlich ist.

„Aber es gab viel mehr liebe und höfliche Menschen in meinem Leben, möchte sie besonders den Verkäufern bei Rossmann, Rewe und Aldi danken, für die großartige Hilfe und Freundlichkeit, die sie dort schon so oft erfahren habe. „Und dem Mann von einem anderen Sanitätshaus, der sich dann äußerst kompetent um meinen Rollstuhl kümmerte und viel mehr für mich tat, als er hätte müssen, dem danke ich auch sehr.“ Sagt sie aus ganzem Herzen.

Und „ihre“ Flüchtlingsfamilie, die den üblichen Besuch am Samstag absagte, um ihr zu überbringen, „nein, wir kommen am Sonntag“, rühre sie ganze besonders, denn sie brachten ihr am Muttertag einen Strauß rote Rosen. „Genau das sind die Dinge im Leben, die einem Mut und Kraft geben“, schließt Christine Skorupski mit einem herzlichen Lächeln das Gespräch, „und es geht wirklich immer gut weiter mit mir.“ Doris Ambrosius