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Mit Täcksheber und Zwickzange: ,,Gute Schuhe sind reinste Meisterwerke. Sie zu reparieren ist eine Kunst."

Soprägnant, wie die bundesweite Vereinigung der Schuhmacherprofis bringt auch Ingo Möller, Schuhmachermeister mit eigenem Werkstattladen in Harrislee die Expertise ihrer Zunft auf den Punk: ,,Gute Schuhe sind reinste Meisterwerke. Sie zu reparieren ist eine Kunst."

Seit fast 40 Jahren ist er mit seinem Handwerksberuf verbunden und verwachsen. Übt ihn mit Kennerschaft, Sorgfalt und Leidenschaft aus. Schon von Kindheit an ist ihm der Beruf vertraut, denn sowohl Großvater als auch Vater waren Schuhmachermeister. ,,Mein Opa war ein Dorfschuster in Angeln, so wie es damals in jedem Ort üblich war", erzählt er aus der Vergangenheit. ,,Unser Beruf verlangte damals wie heute. eine Menge Fingerspitzengefühl und Augenmaß und ist zudem höchst kreativ. Das hat mich schon als kleiner Junge fasziniert".

Gute Schuhmacher, die mit Herz und Hand zu Werke gehen, sind allerdings nicht nur Könner. Sie sind mittlerweile zur Rarität geworden. Im Jahr 2020 meldete die Deutsche Presseagentur, dass es in der alten Schusterstadt Preetz keinen einzigen Schuster mehr gibt. Mitte des 19. Jahrhunderts lebten dort noch 160 Schuster, hinzu kamen 360 Gesellen und Lehrlinge. Eine stolze Zahl. Diese rückläufige Entwicklung steht wohl stellvertretend für die gesamte Branche. Der Zentralverband des Deutschen Schuhmacherhandwerks schätzt die Zahl auf nur noch 500 bis 600 - und zwar bundesweit. Im Durchschnitt verfügt damit jedes Bundesland nur noch über rund 35 Schuster.

FOTO. BRILLAT

Die Gründe für diesen Wandel liegen wohl im Lebensstil der modernen Wegwerfgesellschaft. Laut einer Umfrage von Greenpeace haben 60 Prozent der Käufer zwischen 18 und 28 Jahren ihre Schuhe noch nie reparieren lassen. Ingo Möller ist die Situation bewusst, dennoch hat er eine positivere Sicht auf die Dinge. ,,Ich stelle fest, dass die Wertschätzung für gutes Schuhwerk und handwerkliche Qualität wieder zunimmt". Auch der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und weniger Verschwendung lässt die Kunden umdenken: „Das spüre ich deutlich". Statt ein Paar Schuhe wegzuwerfen oder neu zu kaufen, entscheidet man sich bewusst für die Reparatur. Oder investiert in wertige, langlebige Maßkonfektion. Ob daraus eine Trendumkehr im Verbraucherhalten entstehen wird, lässt sich schwer einschätzen.

AUCH IN HEUTIGEN ZEITEN NOCH ECHTE HANDARBEIT

Der Werkstattladen von Ingo Möller ist mit allem ausgerüstet, was für die professionelle und Wert erhaltende Bearbeitung erforderlich ist. Trotz technischen Fortschritts leistet der Schuster auch in heutigen Zeiten immer noch echte Handarbeit. ,,Meine Handwerkzeuge sind zum großen Teil ähnlich wie jene aus der Zeit meines Opas. Auch die Mechanik und Arbeitsweise ist dabei die gleiche". Wie zum Beispiel die Zwickzange, mit er das Leder über den Leisten zieht. Oder der Täcksheber, mit dem er die Nägel aus dem Schuh entnimmt. Täckse - das ist der fachmännische Begriff für Schuhnägel.

In unserem Handwerk brauchen wir natürlich auch umfassende Materialkenntnisse. Einerseits über den Hauptwerkstoff, das Leder, andererseits über Kunststoffe, aus denen vielen Konfektionsschuhe heutzutage bestehen", sagt Ingo Möller. Sein Anspruch: Bei der Reparatur kommt es darauf an, den Schuh möglichst wieder in den Originalzustand zu bringen. Auch dürfen sich Passform und Laufverhalten der Schuhe nicht verändern, wenn er Reißverschlüsse einnäht, Fersenfutter einarbeitet oder Sohlen und Schäfte erneuert.

Besonders treue Kunden eines Schusters sind übrigens alle, die Spezialschuhe tragen. Reiter zum Beispiel vertrauen ihre Stiefel gerne den Händen des Profis an. Gleiches gilt für die Besitzer von Tanzschuhen oder gut eingelaufenen Wander- und Freizeitschuhen. Und dann sind da noch jene, denen ein bestimmtes Paar Schuhe ans Herz gewachsen ist wie die wunderschönen Brautschuhe oder jene Wanderstiefel, die einen über den Jakobsweg trugen. Niemals würde man sie wegwerfen. Und das muss man zum Glück auch nicht - den Schuhmachern sei Dank.

// Text und Fotos: Anett Brillat